Glenngarriff

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne wie tags zuvor. Der Wind hat uns nicht die Steilküste hinunter geweht, und die anderen Wohnmobile auch nicht. Wir wollen weiter, zum nächsten Ring, doch statt des schmutzigen Geschirrs liegt jetzt eine ganze Menge Müll im Auto herum. Wer meinen Hund kennt, der weiß, dass das ziemlich schlecht ist. Laki inspiziert für ihr Leben gern Müll, leckt ihn aus und wenn’s zu gut schmeckt, frisst sie ihn auch. Da wir mit dem Thema „Kotzender Hund“ durch sind, beschließe ich: Der Müll muss weg. Aber hier gibt es keinen einzigen öffentlich zugänglichen Mülleimer. Das ist schon perfide geplant. …

Doch hinter dem kleinen Besucherzentrum sind Mülltonnen. Das sehe ich durch den Bretterzaun. Spontan ziehe ich mich hoch, Herr W. schmeißt die Plastiktüte hinterher, ich entsorge (zum Trennen fehlt die Zeit) und bin auch schon wieder auf der öffentlichen Seite. Von wegen Seniorin!

Wir fahren weiter nach Norden – immer entlang der Rings. Vorbei am Barleycove Beach, der leicht mit jedem Südseeflitterwochenstrand mithalten kann, zur nächsten großen Landzunge, nach Beara. Doch vorher empfiehlt der Reiseführer, dass wir auf dem kleinen vorgelagerten Sheep’s Head in Durrus einen Umweg zu einer prämierten kleinen Käserei fahren. Da uns der Käse in Cashel so gut geschmeckt hat, sind wir aufgeschlossen und neugierig. Hinter der Kirche geht es rechts bergan, die Straße wird enger, Teer geht in Schotter über, bald ist es nur noch ein Feldweg. Er endet vor einem kleinen hübschen Haus, aber niemand ist da. Wir steigen aus und laufen umher. Da entdecken wir, dass hinter dem Haus nochmal ein Feldweg ist, der weiter den Berg hoch führt. Dort gibt es nun auch ein Tor und ein Firmenschild. Doch der einzige, der uns begrüßt, ist ein netter großer schwarzer Hund. Er findet Laki toll und sie ihn auch. Das ist ja schon mal schön. Wir gehen hinein und finden eine Dame, die eigentlich aus der Produktion kommt, aber für uns eben mal Käse verkauft. Sie erzählt uns, dass dies früher ein Hof war mit Vieh, aber dass sich irgendwann gezeigt habe, dass sie im Käsen besser sind als in der Viehhaltung und dass sie deswegen die Milch mittlerweile von den benachbarten Höfen ankaufen. Wir testen, befinden ihn für sehr gut, und kaufen für einen akzeptablen Preis zwei Weichkäse und zwei Hartkäse.

Weil wir schon so weit oben sind, fahren wir nicht mehr zurück auf die Straße, sondern folgen dem Feldweg weiter über den Bergrücken. Hier oben ist die Landschaft rau und nur wenige Bäume können sich hier halten. An der Bantry Bay kommen wir auf der anderen Seite der Landzunge wieder an eine Straße.

Unser nächster Campingplatz liegt nahe Glengarriff. Dieser Ort uns seine Umgebung sind berühmt für die alten Gärten, die es hier gibt. Er liegt an einer inselreichen stark zerklüfteten Bucht. Hohe Bäume wachsen hier, Farn, Moos überlappt die Felsen. Es sieht ein wenig so aus, wie ich mir das Wunderland von Peter Pan vorstelle, von dem ich als Kind ein Buch hatte. Wir checken auf dem Campingplatz ein und wählen einen Stellplatz direkt an einem hübschen plätschernden Bächlein. Mit der älteren Dame an der Rezeption kommen wir schnell ins Gespräch, was schlicht daran liegt, dass die gute Frau sich langweilt und gerne spricht. Wir haben den Verdacht, dass ihr Sohn, der den Platz führt, erkannt hat, dass es seiner Mutter am besten geht, wenn sie hier Rezeptionistin spielt. Gleich für den kommenden Tag buchen wir eine Überfahrt nach Garinish Island, einer kleinen Insel, die in Gänze ein Garten ist. Der alte Boatsman Kevin soll uns fahren, Laki darf auch mit. Wir sind zur verabredeten Zeit am Treffpunkt und da kommt schon das kleine blaue Boot. Außer uns fährt niemand sonst mit. Munter erklärend fährt Kevin eine Schleife, damit wir die Seehunde und die Seeadler sehen können, die hier in der Bucht leben.

Drüben vereinbaren wir mit unserem Fährmann, wann er uns wieder abholen wird. Für die nächsten beiden Stunden verlieren wir uns in den traumhaften Gärten.

Glengarriff ist weit touristischer als ich es bisher dargestellt habe. Auf der Insel sind wir nicht allein, viele Menschen aus aller Herren Länder sind auch hier. Doch die wurden nicht von Kevin nach Garinish Island gebracht, sondern mit Ausflugsschiffen. So stehen wir am Ende unserer Besichtigung mit vielen anderen am kleinen Pier. Reiseleiter komplimentieren die Menschen in die Schiffe, wir dagegen steigen zu Kevin ins kleine Boot.

Wo es Touristen gibt, da gibt es touristische Läden. In Glenngarriff gibt es ein riesiges Geschäft, mehrere Stockwerke hoch in einer alten Fabrik, wo es ausschließlich irische Wollsachen und nach alter Tradition gewebte und gefertigte Kleidungsstücke gibt. Und da ich ja einen Pullover kaufen wollte, … eben. Das Ende vom Lied ist jedoch, dass ich keinen Pullover finde, der mir so gut gefällt, dass ich ihn unbedingt haben möchte, sondern dass Herr W. sich eine wunderschöne Schildkappe aus Tweed kauft. Sie passt und steht ihm so gut, dass er sie an den nächsten Tagen fast täglich trägt. Der Nieselregen, den wir hier immer wieder haben, ist ein zusätzliches Argument.

Am Abend fahren wir nach Bantry, was knapp 20 Kilometer südlicher an der Küste liegt. Die kurvenreiche Straße führt entlang des Wassers, umrundet Buchten und tangiert Privatgrundstücke. Hier sehen wir die größten Rhododendrenstöcke unseres Lebens. Wenn ich daran denke, welche Kümmerlinge wir in der trockenen Mitte Deutschlands päppeln, überkommt mich auf diese vor Saft, Kraft, Farbe und Gesundheit strotzenden Gewächse der blanke Neid. Herrn W. geht es nicht anders. In Bantry wollen wir Fisch essen, der hier an der Küste besonders gut sein soll. Laki darf nicht mit hinein, da es in dem Lokal wirklich sehr, sehr eng ist. Sie wartet abgefüttert im Auto auf dem Parkplatz in der Ortsmitte. Wir haben reserviert und erhalten einen kleinen Tisch an der Stirnseite eines Raumes, der eigentlich nur Wohnzimmergröße hat. Zwei junge, sehr engagierte Männer leiten das Lokal. Ich bekomme mein geliebtes Craftbeer und Herr W. einen Cider. Dann essen wir die Fischkarte rauf und runter. Es ist köstlich. Den Nachtisch schenken wir uns.

Als wir am Abend zurückkommen, räumen wir noch die Stühle ins Fahrzeug, da es immer wieder nach Regen aussieht. Herr W. greift sich ständig an den Kopf, und dann merke ich es auch: Massenhaft winzige Mücken fliegen direkt über uns und haben es auf den Haaransatz abgesehen, der bei Herrn W. naturgemäß etwas größer ausfällt als bei mir als Frau. Fluchtartig ziehen wir uns ins Wohnmobil zurück, mit uns Laki und Hunderte dieser kleinen Biester. Da haben die aber nicht mit mir gerechnet. Nur ein einziges Licht bleibt an und unter diesem Spot zerdrücke ich auf dem glatten Untergrund Mückelein um Mückelein. Wären die mal besser draußen geblieben! Am nächsten Morgen erzähle ich der alten Dame an der Rezeption davon, und sie meint nur lakonisch:“Oh! midgets! We only call them midgets. They always come in may.“ Umgehend schlage ich das Wort nach. Es bedeutet KNIRPS, oder ZWERG. Eigentlich hätte noch MISTVIEH dabei stehen müssen.

Vor dem Gemeinschaftshaus des Campingplatzes stehen Fahrzeuge. Solche gibt es eigentlich gar nicht. Irgendwie Oldtimer, aber irgendwie auch nicht. Ich gehe hinein ins Gebäude und treffe auf drei Schotten, die sich hier vor dem Nieselregen untergestellt und sich Pulverkaffee gemacht haben. Natürlich kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, dass alle drei Gefährte selbst gebaut sind aus Teilen, die speziell für diesen Zweck gekauft werden können, aber auch aus handgefertigtem Zubehör und Technik aus anderen Fahrzeugen. Ich glaube zwar nicht, dass das wirklich so ist, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn auch ein Rasenmähermotor mit drin gewesen wäre. Sie berichten, dass sie damit durch ganz Europa fahren und auch schon in Süddeutschland und Österreich gewesen sind. Bei einem deutschen Fahrzeughalter hätte der TÜV ganz sicher den Betrieb eines solchen Vehicels verhindert. Ich hole mir die Erlaubnis zu fotografieren und kriege später noch mit, wie die drei mit einem Höllenlärm die Motoren starten und den kleinen Berg zur Rezeption hochknattern.