The Ring of Kerry

Wir fahren weiter nach Norden. An besonders hübschen Stellen halten wir an und vertreten uns die Füße. Meist sind wir völlig allein. Es ist, als seien wir in ausgewählten Eckchen eines Paradieses gelandet, das nicht lieblich und üppig ist, sondern spröde und kühl. Aber eindeutig Paradies, nichtsdestotrotz. Laki läuft frei, wir stromern herum, klettern über Felsen und springen über winzige Wasserläufe.

Unser Ziel ist der Wave-Crest-Caravan Park bei Caherdaniel auf dem Ring of Kerry. In der Umgebung gibt es einige sehenswerte Relikte aus der Vergangenheit, daher planen wir, länger zu bleiben. Wir kommen am Abend an und stellen uns auf dem Campingplatz auf eine kleine Felsnase mit sensationellem Ausblick auf das Meer. Mittlerweile sind wir diesbezüglich mutiger. Auf unserer Reise treffen wir immer wieder die gleichen Leute, diesmal sind die Engländer mit dem süßen alten VW-Bus wieder unsere Nachbarn. Sie machen sich mit riesigen Angelruten auf den Weg hinunter zum Wasser, aber am Ende essen sie genau wie wir das, was die Vorräte im Auto hergeben.

Am nächsten Morgen fahren wir in Richtung Derrynane. Direkt an der Straße ist hinter einem kleinen Zaun mit einem Drehkreuz im Sumpfland der Küste ein Ogham Stone. Er wirkt wie ein etwas zu klein geratener Menhir, steht allein und ist mit kaum mehr entzifferbaren eingeritzten Zeichen übersät. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass es einfach ein Stein ist, auf dem Schriftzeichen nachgesehen werden können. Bei uns in der Grundschule hat jedes Klassenzimmer eine Schrifttafel. Dort können die Kinder während des Schreibens nachsehen, wie ein Buchstabe ausgeführt werden muss, denn am Anfang vergessen sie das immer wieder. Hier hatten Kinder und Erwachsene im vorletzten Jahrtausend dafür Steine. Beim Verfassen dieses Textes gleiche ich meine Informationen mit Wikipedia und erfahre zu meinem Erstaunen, dass es sich doch um Grabsteine handeln soll. https://de.wikipedia.org/wiki/Ogham Da gefällt mir als Grundschullehrerin die Geschichte mit der Schrifttafel eindeutig besser!

An der Küste gibt es einen geschützten Parkplatz, wo wir das Auto lassen können. Laki dreht fast durch, denn ihre Angst, von irgendeiner unserer Unternehmungen ausgeschlossen zu sein, steigert sich von Tag zu Tag. Schimpfen hilft nicht, es spornt sie scheinbar eher an. Heute darf sie mit, wir wollen auf eine Landzunge, die bei Wasserhochstand vermutlich vom Land abgetrennt ist. Deswegen heißt sie auch Abbey Island, Klosterinsel. Unten im Sand spielt ein Junge mit seinem Vater Hurling. Behände flitzt er über den Strand und schlägt mit seinem Eschenschläger die Bälle. Der Vater hat Mühe, mitzuhalten. Drüben begrüßt uns ein uralter Friedhof mit einer Klosterruine aus dem 6. Jahrhundert, der Derrynane Abbey. Der Friedhof wird bis zum heutigen Tag immer noch benutzt. Wir stellen uns vor, dass der Beerdigungstermin immer den Gezeiten angepasst werden muss und dass das letzte, was einem Toten widerfährt, eine Reise auf einem gummibereiften Karren über Sand, Steine und Schlick ist. Hier würde ich mich auch beerdigen lassen.

Wir laufen ein wenig auf dem Gelände herum und studieren Grabsteininschriften, bis sich eine Gruppe von Reisenden vom Festland her nähert. Wir nennen sie lästernd Baedeckerträger, und tatsächlich gibt es einen Leiter der Gruppe, der eine Menge erklärt, die Leute haben überwiegend rote Anoraks an, Bücher unter den Arm geklemmt und vor allem die Herren schmücken ihre Bäuche mit großen Kameras. „Vermutlich Lehrer,“ spotte ich. Da machen wir lieber, dass wir weiter kommen. Die Insel ist ansonsten unbewohnt und wir wandern über Steine und magere Matten, finden Orchideen und kommen an spektakuläre Steilküsten.

Wieder auf dem „Festland“ statten wir den Gärten des Derrynane-Anwesens einen Besuch ab. Riesige Farne und dornenbewehrten Riesenrhabarber gibt es hier, seltene Pflanzen und versteckte Wege mit winzigen Behausungen für Feen (das sehen wir hier oft: Vogelhäuser, Gießkannen, Puppenhäuschen werden hier zweckentfremdet und mit viel Liebe umgestaltet – wer’s schön findet …).

Zu Abend essen wir im Blind Piper, einem wunderhübschen Pub in Caherdaniel, wo Laki im Gegensatz zu vielen anderen Pubs gern gesehen ist. Der Einfachheit halber stellen wir das Auto gleich vor dem Lokal an den Straßenrand, denn ein Pubbesuch ohne ein Bier erscheint vor allem mir sinnlos.

Da Lakis Häufchen am diesem Tag noch aussteht, nehme ich sie nach dem Pubbesuch noch mit hoch in die Berge, die gleich auf der anderen Straßenseite beginnen. Eigentlich sind das hier Schafweiden, daher gibt es unzählige trickreiche Türchen und Hürden, die Laki und ich überwinden müssen. Die Landschaft ist steinig und unwirtlich, einzelne verfallene Unterstände für Hirten lassen auf ein entbehrungsreiches Leben in früherer Zeit schließen. Oben bläst der Wind stürmisch und ich habe einen grandiosen Blick auf ein gutes Stück Küstenverlauf und auf die untergehende Sonne, die Wasser und Luft mit immer neuen Schattierungen versieht. Der Pfad, den ich mir da ausgesucht habe, ist ein Teil des Kerry-Wanderwegs. Es wurden die Planeten unseres Sonnensystems in großer Verkleinerung und maßstabsgetreuem Abstand aus Steinkugeln entlang des Steigs aufgestellt, so dass man erahnen kann, wie groß die Entfernungen sind und gleichzeitig begreift, wie klein die Erde allein in diesem System ist. Da ich meinen Fotoapparat nicht dabei habe, gibt es leider keine Bilder von diesem Planetenweg. Darum habe ich eines von der Facebookseite von Caherdaniel hier eingefügt:

Den nächsten Tag beginnen Laki und ich unseren Spaziergang an der gleichen Stelle, nur dass wir dieses Mal unten im Tal ein Stück laufen. Hier gibt es hübsche Häuser, ein Gartencafe, Viehweiden und später wieder unbewaldete Hügel. Kerry ist schon immer Butterland gewesen, daher brauchte man Wege, mit denen die Butter rasch in die großen Städte wie Cork oder Limerick geschafft werden konnte. Der „butterslip“, auf dem ich nun laufe, windet sich hoch und war für die Transporteure und Zugtiere sicher nicht einfach zu bewältigen, da ja die Zeit drängte, ehe die Fracht vom Karren troff.

Wir reisen weiter, jedoch nicht mehr weiter hinaus zur Spitze der Halbinsel, sondern zurück in die Richtung, aus der wir kamen. Etwas bergan gibt es am Ende eines kleinen Seitentals ein Staigue Stone Fort, das ist eine frühzeitliche Ringbefestigung, in der die Menschen in größeren Gemeinschaften lebten, wo sie das Land beobachten konnten und Schutz fanden vor Tieren und Feinden. Ein winziger Besucherparkplatz empfängt uns und durch ein Viehgatter kommen wir zum Fort, das inmitten irisch grüner Wiesen zwischen den weidenden Schafen steht. Der Eingang ist meerwärts gerichtet und wir müssen uns bücken, dass wir hineinkommen. Drinnen lassen sich die Holzbehausungen nur schwer vorstellen, denn auch das Innere ist makellos grüner und gleichmäßiger Rasen. Die dicken Mauern sind durch vielfache Treppen erreichbar. Darin gibt es unten winzige Unterschlupfe. Die genaue Nutzung lässt sich nur erahnen. Was beeindrucktsind die schiere Größe, das absolute Gleichmaß und die Kunstfertigkeit, mit der das Fort Jahrhunderte vor Christi Geburt mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln errichtet wurde. Aus irgendeinem Grund sind von meinem Fotoapparat eine Reihe von Bildern verschwunden, die vom Fort auch. Daher bin ich froh, dass ich bei Wikipedia fündig wurde:

Von DavidBosonnet – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43036982

Weiter geht es nach Norden, nach Dingle.