Athlone und Clonmacnoise – immer am Shannon

Unser nächstes Ziel heißt Athlone, eine Stadt ziemlich genau in der Mitte Irlands. Die Stadt liegt am Shannon. Dieser abwechslungsreiche Fluss durchquert die Insel von Nord nach Südwesten. Oberhalb von Athlone bildet er ein großes reichgegliedertes Seengebiet, und an einem der Seitenarme liegt unser neuer Campingplatz. Wir wollen von hier aus die Gegend südlich rings um Clonmacnoise erkunden.

Den Campingplatz finden wir nicht gleich, weil die breite alleengleiche Zufahrt mit den riesigen alten Bäumen und dem dichten grünen englischen Rasen genau hinter einem eingerüsteten Altbau liegt. Aber als wir ein Stück hineingefahren sind, entdecken wir das Holzhüttchen linkerhand, in dem der Platzwart residiert. Herr W. hat sogleich einen guten Draht zu ihm. Nachdem die wichtigen Themen wie die politische Lage rund um den Brexit einerseits und Fußball andererseits zur Zufriedenheit abgeklopft sind, geht es um unseren Stellplatz. Der Platzwart bestätigt uns, dass es gut sei, dass wir schon jetzt am Freitag Mittag da seien, weil in einer Stunde alle Gäste aus Dublin da seien, und da werde es schwierig. Wir sollen einen Platz uns vorne am See reservieren, ehe es keinen mehr gebe.

Trotz unserer Vorbehalte wegen der Stechmücken wagen wir es und stellen das Fahrzeug quer zur Uferlinie. Strom anschließen, Bier öffnen. Laki bekommt gesagt, dass die Schwäne nichts für sie sind, und dann geben wir uns dem Müßiggang hin.

Tatsächlich kommen jetzt weitere Feriengäste im Viertelstundentakt. Hinter uns stellen sich Deutsche hin, die eine ganze Weile rangieren. Sie kennen eindeutig weder die Maße des gemieteten Fahrzeugs noch die der Versorgungskabel. Vor uns platzieren sich zwei irische Fahrzeuge in der Frontrow. Sie haben Hunde, Kinder, deren gesamtes Spielzeug, Angelruten, Kühlboxen für draußen, Grills, einen Feuerkorb, natürlich Campingmöbel, und, und, und. Wir staunen. Das alles packen die aus für zwei Übernachtungen! Vorbei ist es mit der Gemütlichkeit. Laki wird nervös, weil die anderen Hunde und die rennenden und kreischenden Kinder sie verwirren, wo sie doch vollends damit beschäftigt ist, Schwäne zu ignorieren. Also erbarme ich mich, und gehe mit ihr spazieren. Ich will ein Stück entlang des Ufers gehen. Doch es ist in Irland nicht viel anders als in der Schweiz: Die Uferlinie ist entweder privat oder verbaut. Das merken wir auch, als wir am Abend essen gehen wollen. Wir laufen an der Straße entlang, weil ich in östlicher Richtung ein Restaurant vermute. Doch außer einem geschlossenen Bootslager und einem Pub, dessen Öffnungszeiten sehr rätselhaft sind, gibt es nichts. Also essen wir wieder mal das, was das Wohnmobil hergibt.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf in Richtung Clonmacnoise, was ein kleines Stück südlich am Shannon liegt. Glücklicherweise ist es nicht allzu heiß, so dass wir Laki guten Gewissens im Auto lassen können. Die Anlage liegt frei am Fluss, der sich lieblich ins riedbewachsene Tal schmiegt. Nebenan gibt es eine imposante Normannenruine, die aber kaum mehr etwas von ihrer ursprünglichen Form erkennen lässt.

Die Normannenruine

Wir passieren das Drehkreuz und nach einer Busladung voller Senioren mit einer aufgeregten Reiseleitung sind wir dran. Wir erhalten einen kleinen eingeschweißten Plan, den wir unbedingt wieder abgeben sollen, die Uhrzeit, zu der die deutschsprachige Filmvorführung stattfinden wird und die Empfehlung, uns auch die Exponate im kleinen Besucherzentrum anzusehen, und dann dürfen wir auf eigene Faust los.

Clonmacnoise wurde 548 vom heiligen Kieran gegründet, der in Irland auch heute noch große Verehrung erfährt. Er starb früh und erlebte daher die Blüte der Klosteranlage nicht mehr. Nach und nach kamen weitere Kirchen dazu, Werkstätten, eine ganze Siedlung. Zu ihrer Blütezeit muss die Klosteranlage weit über die Grenzen Irlands bekannt gewesen sein, nicht zuletzt wegen der großen Kunstschätze, die dort gefertigt worden waren. Dass Clonmacnoise an der Kreuzung zweier Hauptverkehrswege lag, mag die Bekanntheit noch gesteigert haben. Der Niedergang begann im 12. Jahrhundert, von da an wurde die Anlage zunächst von den Wikingern, später von den Normannen und zuletzt den Engländern verwüstet.

Etwas abseits liegen Gräber, auch hier wurde bis in die jüngere Zeit bestattet, gleich dahinter liegt der neue Friedhof. Wir schlendern und ich fotografiere.

Wir passieren den neuen Friedhof und kommen ein Stück die Straße entlang zur Nun’s Church, zur Nonnenkirche. Eine Mitarbeiterin aus dem Besucherzentrum überholt uns und setzt sich in die Ruine der Frauenkirche. Es scheint, als nutze sie ihre Mittagspause zur Meditation. Daher trödeln wir ein wenig und als sie sich wieder auf den Weg zur Arbeit macht, gehen wir hinein. Ob es daran liegt, dass ich selbst eine Frau bin, oder ob die Architektur besonders gelungen ist – mir gefällt diese kleine abseits gelegene Kirchenruine am besten.

Jetzt ist es auch an der Zeit, dass wir den Film auf deutsch sehen können. Daher machen wir uns auf den Weg zurück zum Besucherzentrum am Eingang. Hier sind auch die Nachbildungen der besonders wertvollen Steine und Kreuze, zum Beispiel die des Sculptured Cross.

Draußen erlösen wir Laki aus dem Auto und fahren weiter, immer den Shannon mehr oder weniger an unserer Seite. In der Kleinstadt Banagher stellen wir das Auto auf dem öffentlichen Parkplatz ab, der jetzt am Samstag Nachmittag recht leer ist. Die Bücherei an der Stirnseite des Platzes hat auch schon geschlossen, wir laufen die menschenleere Hauptstraße hoch. Es gibt zwei Kirchen, eine mit schönen Fenstern, wo wir aber nicht hineinkönnen und eine andere mit einem überlebensgroßen goldenen Padre Pio davor. Hier hätten wir den wahrhaftig nicht erwartet. Laki nutzt ihre Chance und produziert mitten auf der Hauptstraße das Häufchen ihres Lebens. (Keiner sieht es, ich habe Tütchen dabei, einen Mülleimer gibt es auch.)

In einem Supermarkt erledigen wir kurz vor Ladenschluss den Wochenendeinkauf und ich kaufe bei dieser Gelegenheit für meine Tochter und ihre Familie Unmassen von irischen Süßigkeiten, bunt und verrückt. Die Verkäuferin an der Kasse kann sich beim Ziehen über den Scanner ein wiederholtes zustimmendes Schnalzen mit der Zunge nicht verkneifen. Am Fluss unten gibt es einen kleinen Hafen, und weil wir Hunger haben, suchen wir uns eine Möglichkeit, eine Kleinigkeit aus der Hand zu essen. Aber hier ist wirklich alles wie ausgestorben. Erst hinter einem großen Hafengebäude wartet ein riesiger alter schwarzer Hund vor einem Wagen, wo Pommes im Angebot sind. Laki freundet sich mit dem Rüden an und wir kriegen Pommes satt. Offenbar ist der Betreiber dieses Imbisses gelernter Koch, denn während wir essen, schneidet er mit flinken Handgriffen mehrere Orangen in hauchdünne gehäutete Filets, die er in einem verschlossenen Plastikcontainer in die Kühlung gibt. Wofür er die vorbereitet, bleibt unklar.

Herrn W.s Reiseführer nennt in der Nähe eine kleine romanische Kirche, die Clonfert Cathedral. Wir kurven eine ganze Weile umher, bis wir sie endlich in einer Kurve finden. Das Auto stellen wir in den Schatten unter einen großen Baum. Diese Kirche steht abseits und gilt als eines der wertvollsten erhaltenen Zeugnisse romanischer Baukunst in Irland. Tatsächlich ist vor allem das Portal beeindruckend, aber auch das Innere wartet mit berührenden Details auf.

Wir trödeln mal wieder ein wenig über den Friedhof und sprechen bei dieser Gelegenheit darüber, wie wir unsererseits mal bestattet werden wollen. Da irische Friedhöfe so freundlich und unkompliziert sind, fallen solche Überlegungen hier viel leichter als bei uns in Deutschland, wo Gräber sich als Ode an den rechten Winkel, pflichtbewusste Erfüllung der Friedhofssatzung und lebenslange Aufgabe für die Hinterbliebenen präsentieren.

Den Abend verbringen wir auf unserem Campingplatz. Kochen, essen, gucken. Die irischen Stellnachbarn versorgen uns mit Unmengen an Gesprächsstoff. Wie gut, dass die – hoffentlich – unsere deutschsprachigen Lästereien nicht verstehen. Endlich treiben die Stechmücken uns doch ins Fahrzeug. Am Sonntag morgen brechen wir zeitig auf. Dublin, wir kommen!

Cliffs of Moher & The Burren

Obwohl ich das Buch „Die Asche meiner Mutter“ gerade ausgelesen habe, welches im Limerick der 30er bis 50er-Jahre spielt, lassen wir den Ort bei unserer Weiterfahrt rechts liegen. Diese Stadt wurde in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend modernisiert, was sicher bitternötig war. Aber uns ist weder nach Stadt noch nach Shopping oder Flanieren. Unser Ziel befindet sich am Atlantik weiter nördlich.

Der Campingplatz, den wir uns ausgesucht haben, liegt in Doolin, einem winzigen Nest, das wir schon auf der Karte kaum finden können, was aber in Wirklichkeit noch viel kleiner ist. Campinplatz, Pub, Andenkenladen, Hotel, kleine Brücke, soweit das Zentrum. Meerwärts verliert sich die Straße zwischen den Weiden, bergan gibt es einige Einfamilienhäuser und Vermietungen. Die Lebensader ist die Straße nach Süden, die zu den Cliffs of Moher führt. Hier passieren Busse in kurzen Abständen.

Als wir einchecken, fängt es an zu nieseln, hört auch in der ganzen Zeit, in der wir dort sind, nur für kurze Momente auf. Aber der Hund will raus, also schmeiße ich mich in mein Allwetteroutfit, während Herr W. kocht. Es soll Fisch geben, den wir im Supermarkt in Dingle noch gekauft haben. Laki und ich nehmen den Feldweg. Links und rechts stehen Kühe und Jungbullen, und weil ich mein Handy dabei habe, fange ich an zu fotografieren. Kühe sind dankbare Fotoobjekte. Als ich einige Bilder gemacht habe, beginne ich die Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren festzustellen: Wer ist mutiger, wer zurückhaltender. Wer schaut gelassen, wer eher panisch. Wer denkt kaum über den nächsten Grashalm hinaus, in wessen Blick könnte man auch ein philosophisches Begreifen hineindeuten? Offenbar lieben sie erhöhte Standpunkte. Ich stelle fest, dass ich die Kühe mag. Laki dagegen ist erfreut, dass echte Hasen den gleichen Weg benutzen wie wir. Leider muss sie deswegen an die Leine, zu ihrem eigenen Schutz. Die Weiden sind steinig, unvermutet gibt es Löcher im Gras, wo Steine oder ganze Erdschichten in darunterliegende Hohlräume und Höhlen abgesackt sind. Trockenmauern aus Stein ersetzen Zäune. Vereinzelte Gehöfte scheinen zu den Rindern zu gehören. Später gibt es schmucke Einfamilienhäuser, alle mit Nebengebäude, welche der Vermietung dienen. So werden hier Häuser abbezahlt.

Am Abend lassen wir Laki im Auto auf dem Platz und gehen auf ein Bier in den Pub. Das ist der Vorteil dieses winzigen Orts, man ist sofort überall. Doolin gilt als Hotspot der Irischen Musik und tatsächlich spielt im Pub ein Musiker, ziemlich gut. Aber irgendwas fehlt mir zum wirklich irischen Musikgefühl. Dass ich das erst ganz am Ende meiner Irlandreise bekommen werde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir sitzen an der Theke mit Blick auf Bar, Gäste und Musiker. Ich nehme ein Craftbeer, Herr W. ein Redstout. Neben uns lassen sich einige Gäste beraten. Sie möchten einen Whiskey. Die Beratung ist fast so ausführlich, als wollten sie einen Neuwagen kaufen. Preis, Farbe, Geruch und Geschmack werden erörtert, darüber das Fass, die Destille, das Wasser. Was es da alles zu bedenken gibt. Es grenzt an ein Wunder, dass die Leute schlussendlich Gläser vor sich stehen haben mit einer Fingerbreit dunkler öliger Flüssigkeit darin. Hoffentlich viel Geschmack für das viele Geld!

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Auto zu den Cliffs of Moher, knapp 10 Kilometer südlich. Wir entscheiden uns für das eigene Fahrzeug, weil wir mit dem Hund wohl nicht in das Shuttle gekommen wären. Der Parkplatz ist riesig. Herr W. war vor vielen Jahren schon einmal hier, er staunt nicht schlecht, was sich da alles in der Zwischenzeit getan hat. Wir müssen zahlen. Herr W. kriegt das Seniorticket, ich gehe diesbezüglich leer aus. Laki darf sowieso kostenlos mit. Am Besucherzentrum drängen sich Andenkenläden und Informationstafeln, drinnen gibt es ein Museum, viele Toiletten, Restaurants. Wir bleiben draußen. Menschen, wirklich aus aller Herren Länder, sind hier. Spanier, Australier, Asiaten, Südamerikaner, Franzosen, … und Deutsche. Unser Hund wird immer wieder bewundert. Vor allem die jungen Japanerinnen möchten unbedingt ein Selfi mit dem vermeintlichen Baby-Rotti. Sie wissen es halt nicht besser. Herr W. überlegt nach einer ganzen Weile halblaut, ob es nicht langsam Sinn machen würde, für jedes Bild ein britisches Pfund zu nehmen.

Es gibt südgehend einen Höhenweg, der zumindest am Anfang rollstuhlgerecht geteert und seitlich gesichert ist, später kommt man durch den Schlamm nah an die Abbruchkante heran. Es sind trotz des Nieselregens immer noch unzählige Menschen unterwegs. Allmählich wird uns auch klar, dass der große Parkplatz durchaus seine Berechtigung hat. Abenteuerliche Ausblicke tun sich auf. Dass das Wetter so unbeständig ist, hat plötzlich einen überraschenden Reiz. Es kommen nämlich in raschem Wechsel Nebelbänke, die plötzlich einen Teil der Landschaft verhüllen und dann wandern, die Sonne strahlt unvermutet gegen den Nieselregen an, alles zu schnell für Fotos, aber atemberaubend. Unter uns müssen die Nester der Papageientaucher in der Felswand sein. Doch wir sehen und hören nichts von ihnen, lediglich ein plötzlicher scharfer Fischgeruch zeigt oben an manchen Stellen an, dass da unten noch etwas anderes ist als umgischteter Fels.

Dieses Drohnenfoto steuerte das Internet bei.

Nach unserer Küstenwanderung fahren wir weiter in einer Schleife durch das Innenland zum Burren Nationalpark. Schon wenige Hundert Meter von der Küste entfernt ist das Wetter wieder stabil. Der Burren Nationalpark ist eine steinige Landschaft, die schon vor über 5000 Jahren durch Intensivnutzung und anschließende Auswaschung entstand. Also eine Kulturlandschaft aus der Vorzeit. Sie ist geschützt und darf heute nur kontrolliert beweidet und genutzt werden. Da sich hier Menschen seit Jahrtausenden aufhalten, gibt es viele Relikte, unter anderem Dolmen oder Forts. Wir kommen gegen Abend an, der Händler am Drehkreuz beginnt gerade, seine Waren einzupacken. Außer uns sind kaum Leute da. Man muss aufpassen, wohin man seine Füße setzt, denn im scheinbar ebenen Gestein sind tiefe Rinnen. Darin wachsen geschützt Pflanzen, auch sehr viele seltene und geschützte Arten. Laki scharwenzelt frei herum und auch wir stromern staunend über das Areal. Große Schautafeln erklären alles Wissenswerte auf Englisch und auf der Rückseite in Irisch.

Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen und reisen weiter. Jetzt geht es wieder ins Landesinnere.

The Ring of Kerry

Wir fahren weiter nach Norden. An besonders hübschen Stellen halten wir an und vertreten uns die Füße. Meist sind wir völlig allein. Es ist, als seien wir in ausgewählten Eckchen eines Paradieses gelandet, das nicht lieblich und üppig ist, sondern spröde und kühl. Aber eindeutig Paradies, nichtsdestotrotz. Laki läuft frei, wir stromern herum, klettern über Felsen und springen über winzige Wasserläufe.

Unser Ziel ist der Wave-Crest-Caravan Park bei Caherdaniel auf dem Ring of Kerry. In der Umgebung gibt es einige sehenswerte Relikte aus der Vergangenheit, daher planen wir, länger zu bleiben. Wir kommen am Abend an und stellen uns auf dem Campingplatz auf eine kleine Felsnase mit sensationellem Ausblick auf das Meer. Mittlerweile sind wir diesbezüglich mutiger. Auf unserer Reise treffen wir immer wieder die gleichen Leute, diesmal sind die Engländer mit dem süßen alten VW-Bus wieder unsere Nachbarn. Sie machen sich mit riesigen Angelruten auf den Weg hinunter zum Wasser, aber am Ende essen sie genau wie wir das, was die Vorräte im Auto hergeben.

Am nächsten Morgen fahren wir in Richtung Derrynane. Direkt an der Straße ist hinter einem kleinen Zaun mit einem Drehkreuz im Sumpfland der Küste ein Ogham Stone. Er wirkt wie ein etwas zu klein geratener Menhir, steht allein und ist mit kaum mehr entzifferbaren eingeritzten Zeichen übersät. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass es einfach ein Stein ist, auf dem Schriftzeichen nachgesehen werden können. Bei uns in der Grundschule hat jedes Klassenzimmer eine Schrifttafel. Dort können die Kinder während des Schreibens nachsehen, wie ein Buchstabe ausgeführt werden muss, denn am Anfang vergessen sie das immer wieder. Hier hatten Kinder und Erwachsene im vorletzten Jahrtausend dafür Steine. Beim Verfassen dieses Textes gleiche ich meine Informationen mit Wikipedia und erfahre zu meinem Erstaunen, dass es sich doch um Grabsteine handeln soll. https://de.wikipedia.org/wiki/Ogham Da gefällt mir als Grundschullehrerin die Geschichte mit der Schrifttafel eindeutig besser!

An der Küste gibt es einen geschützten Parkplatz, wo wir das Auto lassen können. Laki dreht fast durch, denn ihre Angst, von irgendeiner unserer Unternehmungen ausgeschlossen zu sein, steigert sich von Tag zu Tag. Schimpfen hilft nicht, es spornt sie scheinbar eher an. Heute darf sie mit, wir wollen auf eine Landzunge, die bei Wasserhochstand vermutlich vom Land abgetrennt ist. Deswegen heißt sie auch Abbey Island, Klosterinsel. Unten im Sand spielt ein Junge mit seinem Vater Hurling. Behände flitzt er über den Strand und schlägt mit seinem Eschenschläger die Bälle. Der Vater hat Mühe, mitzuhalten. Drüben begrüßt uns ein uralter Friedhof mit einer Klosterruine aus dem 6. Jahrhundert, der Derrynane Abbey. Der Friedhof wird bis zum heutigen Tag immer noch benutzt. Wir stellen uns vor, dass der Beerdigungstermin immer den Gezeiten angepasst werden muss und dass das letzte, was einem Toten widerfährt, eine Reise auf einem gummibereiften Karren über Sand, Steine und Schlick ist. Hier würde ich mich auch beerdigen lassen.

Wir laufen ein wenig auf dem Gelände herum und studieren Grabsteininschriften, bis sich eine Gruppe von Reisenden vom Festland her nähert. Wir nennen sie lästernd Baedeckerträger, und tatsächlich gibt es einen Leiter der Gruppe, der eine Menge erklärt, die Leute haben überwiegend rote Anoraks an, Bücher unter den Arm geklemmt und vor allem die Herren schmücken ihre Bäuche mit großen Kameras. „Vermutlich Lehrer,“ spotte ich. Da machen wir lieber, dass wir weiter kommen. Die Insel ist ansonsten unbewohnt und wir wandern über Steine und magere Matten, finden Orchideen und kommen an spektakuläre Steilküsten.

Wieder auf dem „Festland“ statten wir den Gärten des Derrynane-Anwesens einen Besuch ab. Riesige Farne und dornenbewehrten Riesenrhabarber gibt es hier, seltene Pflanzen und versteckte Wege mit winzigen Behausungen für Feen (das sehen wir hier oft: Vogelhäuser, Gießkannen, Puppenhäuschen werden hier zweckentfremdet und mit viel Liebe umgestaltet – wer’s schön findet …).

Zu Abend essen wir im Blind Piper, einem wunderhübschen Pub in Caherdaniel, wo Laki im Gegensatz zu vielen anderen Pubs gern gesehen ist. Der Einfachheit halber stellen wir das Auto gleich vor dem Lokal an den Straßenrand, denn ein Pubbesuch ohne ein Bier erscheint vor allem mir sinnlos.

Da Lakis Häufchen am diesem Tag noch aussteht, nehme ich sie nach dem Pubbesuch noch mit hoch in die Berge, die gleich auf der anderen Straßenseite beginnen. Eigentlich sind das hier Schafweiden, daher gibt es unzählige trickreiche Türchen und Hürden, die Laki und ich überwinden müssen. Die Landschaft ist steinig und unwirtlich, einzelne verfallene Unterstände für Hirten lassen auf ein entbehrungsreiches Leben in früherer Zeit schließen. Oben bläst der Wind stürmisch und ich habe einen grandiosen Blick auf ein gutes Stück Küstenverlauf und auf die untergehende Sonne, die Wasser und Luft mit immer neuen Schattierungen versieht. Der Pfad, den ich mir da ausgesucht habe, ist ein Teil des Kerry-Wanderwegs. Es wurden die Planeten unseres Sonnensystems in großer Verkleinerung und maßstabsgetreuem Abstand aus Steinkugeln entlang des Steigs aufgestellt, so dass man erahnen kann, wie groß die Entfernungen sind und gleichzeitig begreift, wie klein die Erde allein in diesem System ist. Da ich meinen Fotoapparat nicht dabei habe, gibt es leider keine Bilder von diesem Planetenweg. Darum habe ich eines von der Facebookseite von Caherdaniel hier eingefügt:

Den nächsten Tag beginnen Laki und ich unseren Spaziergang an der gleichen Stelle, nur dass wir dieses Mal unten im Tal ein Stück laufen. Hier gibt es hübsche Häuser, ein Gartencafe, Viehweiden und später wieder unbewaldete Hügel. Kerry ist schon immer Butterland gewesen, daher brauchte man Wege, mit denen die Butter rasch in die großen Städte wie Cork oder Limerick geschafft werden konnte. Der „butterslip“, auf dem ich nun laufe, windet sich hoch und war für die Transporteure und Zugtiere sicher nicht einfach zu bewältigen, da ja die Zeit drängte, ehe die Fracht vom Karren troff.

Wir reisen weiter, jedoch nicht mehr weiter hinaus zur Spitze der Halbinsel, sondern zurück in die Richtung, aus der wir kamen. Etwas bergan gibt es am Ende eines kleinen Seitentals ein Staigue Stone Fort, das ist eine frühzeitliche Ringbefestigung, in der die Menschen in größeren Gemeinschaften lebten, wo sie das Land beobachten konnten und Schutz fanden vor Tieren und Feinden. Ein winziger Besucherparkplatz empfängt uns und durch ein Viehgatter kommen wir zum Fort, das inmitten irisch grüner Wiesen zwischen den weidenden Schafen steht. Der Eingang ist meerwärts gerichtet und wir müssen uns bücken, dass wir hineinkommen. Drinnen lassen sich die Holzbehausungen nur schwer vorstellen, denn auch das Innere ist makellos grüner und gleichmäßiger Rasen. Die dicken Mauern sind durch vielfache Treppen erreichbar. Darin gibt es unten winzige Unterschlupfe. Die genaue Nutzung lässt sich nur erahnen. Was beeindrucktsind die schiere Größe, das absolute Gleichmaß und die Kunstfertigkeit, mit der das Fort Jahrhunderte vor Christi Geburt mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln errichtet wurde. Aus irgendeinem Grund sind von meinem Fotoapparat eine Reihe von Bildern verschwunden, die vom Fort auch. Daher bin ich froh, dass ich bei Wikipedia fündig wurde:

Von DavidBosonnet – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43036982

Weiter geht es nach Norden, nach Dingle.

Cashel

Herr W. meinte neulich in einer Sprachnachricht an mich: „Dein Blogg blockt.“ Recht hat er, irgendwie ist immer was, aufräumen, Handwerker, Büchereifortbildung, Garten, Hund, … große Hitze. Aber mit dem Rausreden ist nun Schluss, heute geht es weiter:

Wir fahren von Kilkenny ein ganzes Stück westlich, nach Cashel. Der Ort an sich ist wenig sehenswert, wir umrunden ihn von Norden und sehen gleich den Rock von Cashel mit der Ruine darauf. Unterhalb breiten sich im Sonnenschein grüne Wiesen aus, darin eine weitere Ruine, eindeutig ein Kirchengebäude. Es gibt keinen richtigen Parkplatz, wir stellen das Wohnmobil an den Straßenrand und nehmen zu Lakis übergroßer Erleichterung auch den Hund mit.

Durch ein Drehkreuz gelangen wir zur Hore Abbey, der Ruine eines ehemaligen Benediktinerklosters. Die Benediktiner wurden jedoch 1272 vom Erzbischof von Cashel vertrieben, weil er geträumt hatte, dass sie ihm nach dem Leben trachteten. Daher schenkte er das Kloster den Zisterzienseren, die dort bis nach 1500 wirkten. So kann es gehen.

Wir können überall in der Ruine frei umhergehen. Laki macht prompt ein Häufchen, wir tüten es nach deutscher Manier ein und nehmen es mit.

Die ganze Zeit hatten wir über Mauern und durch Fenster immer wieder großartige Blicke auf die Burganlage von Cashel, die wie eine Krone auf dem Felsen thront. Wir verlassen die Abtei, überqueren eine Nebenstraße und wandern entlang einer Mauer und neben Viehweiden hoch. Schon von weiten hören wir Musik und oben sehen wir die beiden Mädchen mit ihren Akkordeons. Spontan bin ich erfreut, weil ich es gut finde, wenn Kinder durch das, was sie im Musikunterricht oder in der Familie gelernt haben, ein kleines Taschengeld dazu bekommen. Doch ziemlich schnell wird klar, dass die beiden ein sehr kleines Repertoire haben und heute am Sonntag von der Familie hier abgesetzt wurden, damit sie Geld verdienen, das sie abgeben müssen. Und dafür reichen zwei Stücke und ein paar Tanzschritte, denn Touristen bleiben normalerweise nur kurz stehen, werfen eine Münze in den Instrumentenkoffer und gehen weiter. Da haben sie halt nicht mit Herrn W. gerechnet, der sich mit Laki auf eine Bank setzt, während ich in die Burg gehe. Er beobachtet, dass in regelmäßigen Abständen Brüder kommen, die Geld abholen.

Während der arme Herr W. was auf seine Ohren kriegt, wartet auf mich ebenfalls eine unvergessliche Erfahrung: Ich stelle mich an der Kasse an und nutze die Zeit, mich über die Preise zu informieren. Der Eintritt kostet 6 Euro, für Senioren 4 Euro. Grundsätzlich sind hier in Irland 6 Euro Eintritt nicht viel, aber heute bin ich keck und ich frage auf Englisch, ab wann man ein Senior ist. „60 and more“, lautet die Antwort. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin ja seit zwei Monaten 60! Also ordere ich ein Seniorenticket. Der junge Mann schiebt es mir anstandslos über die Theke. Ohne nach dem Ausweis zu fragen. Ich bin geschockt.

Drinnen bin ich dann unter meinesgleichen. Es sind überwiegend Leute in meinem Alter hier. Viele Fotoapparate, viele Baedecker, viele Sonnenschutzhüte, viel graues Haar.

Auch hier gehen wir durch Ruinen. Dieses Gebäude ist aber ein Herzstück Irlands, ließ sich doch im 10. Jahrhundert hier ein irischer König krönen. Später wurde diese Burg vom Enkel dieses Königs der katholischen Kirche übereignet, die hier das erzbischöfliche Palais einrichtete. Es gibt eine Kathedrale, eine Kapelle, wieder einen Rundturm, einen wunderschönen Friedhof und Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Wir fahren weiter, weil wir heute noch an die Küste kommen wollen. Vorher gehen wir natürlich wieder einkaufen, glücklicherweise. Es gibt hier in der Region einen Blauschimmelkäse, den Cashel Blue. Er ist wirklich sehr lecker und steht seinen Verwandten aus anderen europäischen Regionen in nichts nach.

Die Autobahn führt uns nach Süden in Richtung Cork. Laut unseres kleinen Campingführers gibt es hier einen Platz, der Hunde akzeptiert und auch offen hat. Wir finden ihn. Wir zahlen und wissen es sofort, auf gar gar keinen Fall bleiben wir hier länger als eine Nacht. Es gibt grünes Gras, das ist aber auch schon alles. Die vierspurige Schnellstraße führt direkt am Platz vorbei, es gibt kein heißes Wasser, kein Internet, man kann nicht duschen. Hinter den Mülltonnen liegt Rattengift. Der Platz gehört zu einem Wohnhaus und liegt im Wohngebiet. Weit und breit kein Pub oder Lokal.

Dafür sind unsere Nachbarn nett. Sie sind Engländer, und wir lernen sie kennen, weil wir es nicht fassen können, dass man keine heißes Wasser hier kriegt. Das ältere Ehepaar ist sehr hilfsbereit, und bietet an, uns mit ihrem Wasserkocher auszuhelfen. Sie freunden sich mit Laki an und zeigen uns ihr Wohnmobil. Ihr ganzer Stolz ist die große Karte von den britischen Inseln, die sie an die Klotür geklebt haben. Überall, wo sie waren, haben sie einen kleinen Pfeil hingeklebt, in jedem Jahr eine andere Farbe. Es kleben sehr viele Pfeile auf dieser Karte. Als ich das bewundere, sagt die Frau lakonisch: „Yes, I already saw it. Wrong map in your car!“ Stimmt, da hat sie richtig gesehen. In unserem Auto gibt es auch so eine Karte. Nur, dass es noch die vom italienischen Stiefel ist!

Kilkenny

Wir fahren westwärts, nach Kilkenny. Meine App sagt, es gebe in Stadtnähe einen Campingplatz Tree Grove, auf dem auch Hunde akzeptiert sind. Vorher kaufen wir wieder ein, diesmal bei Aldi. Wenn man mit dem Wohnmobil fährt, muss man öfter zum Einkaufen los, weil die Lagermöglichkeiten begrenzt sind. Und am einfachsten ist der Einkauf, wenn man mit dem Auto sowieso unterwegs ist, also nicht erst vom Platz losfahren muss. Der Vorteil davon ist, dass man recht viele Supermärkte kennen lernt und sich einen guten Überblick über Angebot, Preise und regionale Produkte verschaffen kann. Ich habe Spaß daran zu gucken, wie die Leute in anderen Ländern einkaufen, was sie interessant finden, wie sie Kaufentscheidungen treffen bis hin zu dem, was sie anziehen, wenn sie einkaufen gehen.

Der Campingplatz ist kurz hinter einem Kreisel stattauswärts und wieder gibt es rund um die gekiesten Stellflächen reichlich grünes Gras. Da die Sonne herauskommt, stellen wir die Stühle heraus und machen uns erst mal einen Kaffee. Denn obwohl die leckeren gefüllten Kekse von Aldi auch so schmecken – mit Kaffee rutschen sie besser. Ich hole endlich das Hundekissen aus der Lauge und bis zum Abend kann Laki wieder drauf liegen.

Der Platzbetreiber erklärt Herrn W. den Weg in die Stadt und gibt auch gleich Empfehlungen bezüglich eines Pubs. Erst denken wir, das wird wieder so eine Cousin-von-der-Großtante-Geschichte sein, aber dieser Pub und vor allem das Bier sind wirklich weit über die Grenzen bekannt.

Wir gehen entlang eines Flüsschens Nore durch einen langgezogenen sehr naturnahen Park. Allmählich wird der Park gepflegter, verläuft auf der anderen Seite entlang einer hohen Mauer und mündet endlich in den Park von Kilkenny Castle. Offenbar ist hier eine Schule untergebracht, und wir sehen am frühen Nachmittag viele Kinder und Jugendliche in Schuluniform, die auf den riesigen Wiesen Hurling und Camogie trainieren. Dabei gilt es, mittels eines Eschenschlägers, dem Hurley, einen tennisballgroßen Lederball in oder über ein Lattentor zu schießen. Es spielen zwei gleichgeschlechtliche Mannschaften gegeneinander. Das Spiel gilt als sehr alt, ausgesprochen schnell und damit auch als nicht ungefährlich. Die Kinder sind verrückt danach. Sie sind sehr geschickt darin, offenbar machen sie in ihrer Freizeit kaum etwas anderes. Wir haben eine ganze Weile zugesehen, bis wir erkannten, dass sie den Ball einfach mit dem Schläger führen, und der nicht daran befestigt ist. Denn so sieht es auf den ersten Blick aus. Wochen später sprach Herr W. in einem anderen Ort ein paar Jungs mit Hurleyschlägern an, weil er hörte, dass Fernsehapparate Fußball übertrugen und er wollte sich informieren, wer da gerade gegen wen spielte. Die Jungs schauten ihn verständnislos an und antworteten, indem sie erklärten, wer von ihnen was beim Hurling am besten könne. Hurleys gibt es überall zu kaufen, selbst in einfachen Supermärkten sind sie für unter 15 Euro zu haben.

Wir lassen uns in den Ort treiben. Hier gibt es mittelalterliche schmucke Häuschen, hübsche Geschäfte mit ansprechender Ware, Pubs und Lokale und nette Gässchen. Endlich kommen wir auch an die Brauerei. Das Bier aus Kilkenny ist nicht ganz so bitter und schwarz wie Guinness, sondern hat einen etwas höheren Malzanteil und ist rotbräunlich. Daher wird es auch einfach „Red Ale“ genannt. Kilkenny’s heißt das Bier als etwas stärkere Exportware, hier wird es unter dem eigentlichen Namen der Brauerei „Smithwicks“ ausgeschenkt. Es ist wirklich lecker und ich finde es fast besser als das Guinness. Die Brauerei residiert an der Hauptstraße hinter einem roten Holztor. Dieses Tor sehen wir nun öfter, überall dort wird Smithwick’s produziert oder ausgeschenkt. Es gibt Führungen, aber leider: „Sorry, no dog!“

Am anderen Ende des Ortes befindet sich die Cathedral Church of St. Canice mit ihrem Round Tower. Diese runden Türme haben wir hier oft gesehen. Sie sind alt, relativ schmucklos und stehen immer gesondert neben den eigentlichen Kirchen. Offenbar waren sie nicht nur Glockentürme, sondern auch Fluchttürme. Die Kirche selbst liegt wieder inmitten eines alten Friedhofs. Sie geht auf eine Gründung in der Zeit um 590 zurück, wurde seit 1300 ununterbrochen genutzt und gilt als eine der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchen Irlands. Diesmal ist nicht der Hund schuld, dass wir nicht rein können, sondern unsere Trödelei. Sie wird um 17.00 Uhr geschlossen. Dafür schauen wir uns ausgiebig auf dem Friedhof um.

Natürlich wollen wir danach zum Pub. Sowohl Hunger als auch Lust auf kühles hiesiges Bier treiben uns. Im hellen Sonnenlicht liegt der Pub an einer Kreuzung am Wasser, wieder mit rotem Tor. Der Hund darf mit rein, wir bekommen einen kleinen Tisch. Das Bier zischt. Wir haben eine Kleinigkeit zu essen bestellt, ich eine Leber-Apfel-Pastete mit Röstbrot, Herr W. eine Suppe. Beides ist ungemein lecker. Während des zweiten Biers sehen wir uns um. Wie bei einem Pub zu erwarten besteht die Einrichtung aus einer Mischung aus Krempel, Antiquität und solider Schreinerarbeit, das Publikum aus Menschen aller Altersklassen und hier auch vieler Nationen, sehen die Iren sehr gut aus und haben überdurchschnittlich oft leuchtend rote Haare und gibt es zwei Musiker, einer spielt Gitarre und der andere eine Flöte. Immer wieder kommen sprechen Gäste vom Tresen aus die Musiker an und bitten um bestimmte Stücke, es gibt außer irischer auch internationalere oder gar amerikanische Stücke. Durch das Fenster sehe ich, wie sich hinter der imposanten Shilouette einer Kirche die Dämmerung herabsenkt.

Zeit für uns, weiter zu gehen. Aus einer Kirche kommen Blasmusik und Chorgesang. Erst hören wir aus dem Vorraum zu, dann kommt eine ältere Dame, um uns doch herein zu bitten, da sie uns durch das Fenster in der Holztür gesehen hat. Doch wieder bekommen wir zu hören: „Sorry, no dogs!!

Als wir schon fast wieder aus der Stadt heraußen sind, fällt mir ein Mann auf, der mit seinem Fotoapparat die Szenerie hinter mir ablichtet. Ich drehe mich um, hole auch meine Kamera und lege meinerseits los:

Wales

Wir überqueren den Severn über eine riesige Brücke, der Fluss darunter erinnert mich in seiner Breite an die Girondemündung, er ist ein wenig wie ein eigener Meeresarm. So wie wir jedoch festen Boden unter den Rädern haben, zeigen Schilder durch Zweisprachigkeit, dass wir uns nun in Wales befinden, außer Englisch wird hier gleichberechtigt auch Walisisch gesprochen. Ansonsten ändert sich zunächst wenig, doch nach und nach wird es ländlicher, die Bewaldung nimmt zu und vor allem die Rhododrendronbüsche blühen allerorten, in allen verfügbaren Farben, innerhalb und außerhalb von Gärten. Es ist, als sei der Rhododendron die heimliche Symbolpflanze von Wales. Die Route führt uns entlang lieblicher kleiner Flussläufe, über kahle Höhenzüge und durch kleine Dörfer und Städtchen. Einmal halten wir an, da wir Laki Auslauf geben wollen, aber auch, weil wir eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank essen und uns anhand der Karte für einen Platz für die Nacht entscheiden wollen. Viele Campingplatze haben hier noch nicht offen oder sie akzeptieren keine Hunde, da ist die Auswahl nicht so groß. Unsere Wahl fällt auf einin Platz einige Kilometer vor Caernarfon, von dem aus der Mount Snowdon und der umliegende Nationalpark leicht erreicht werden können. Er liegt an einer kleinen Straße, mal rechts und mal links begleitet von einer Schmalspureisenbahn. Auf dem Hof ist kein Campingplatz erkennbar, es gibt lediglich einige Garagen und technische Gebäude. Wir klingeln, es kommt eine rotbrünette Dame mittleren Alters und erkennbar schlechter Laune heraus, die nicht nur innerlich giftet, weil wir so spät kommen und sie schon keine Lust mehr hat, jetzt abends um fünf neue Gäste aufzunehmen. Wir fragen dennoch dies und das und allmählich kehrt ihre Professionalität zurück uns sie erklärt uns, wie der Platz funktioniert und wie wir in den Genuss der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung kommen. Von ihr lerne ich auch, dass Caernarfon so ähnlich ausgesprochen wird wie CERNOOFEN. Muss walisisch sein, oder so. Wir begleichen sogleich unsere Rechnung für die nächsten Tage, damit wir ihr nicht nochmal auf die Nerven gehen müssen.
Um auf den Platz zu kommen, müssen wir über eine winzige Brücke, die über die Schmalspurschienen führt. Unser zugeteilter Platz liegt auf Rasen, wir sind weit und breit die einzigen Nutzer, doch Strom ist gleich daneben, eine Wasserstelle gibt es auch, am nahen Horizont erstreckt sich eine beeindruckende kahle Bergkette, in Spuckweite plätschert ein idyllischer kleiner Wasserlauf. Herr W. kocht das Abendessen, ich erkunde mit Laki den Platz und die Umgebung. Die Architekten von „Mein wundschöner naturnaher Garten“ wären überfordert gewesen, wenn sie dergleichen hätten realisieren sollen. Das Gras ist unbeschreiblich grün und gleichmäßig, das Wasser des Bächleins sprudelt glasklar, selbst die Steine auf seinem Grund liegen perfekt zufällig angeordnet. An der Weide hängt im letzten Abendsonnenschein eine Brettschaukel an langen Hanfseilen, Trollblumen leuchten dottergelb im Schatten. Es IST perfekt.

Am nächsten Morgen, nach einer bitterkalten Nacht, genehmigen Laki und ich uns ein ausführlicheres Gassi und stellen dabei fest, das das Bächlein zu einem ganzen System gehört, dass auf der anderen Seite die Schafweiden beginnen, aber auch, dass es auf dem Campingplatz ganze riesige Bereiche voller gesplitteter Parzellen gibt, die alle mit einförmigen parallel stehenden Wohnwägen vollgestellt sind. Da sind wir doch über unseren Rasenplatz weit ab vom Schuss froh.
Wir wollen das Areal um den Mount Snowden erkunden und fahren dafür nach Llanberis. Gleich am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz, wo unser Wohnmobil gut steht, während wir wandern. Der Ort selbst ist touristisch gut erschlossen, besonders die vielen Läden für Bergsteigerausrüstung fallen auf. Es gibt einige Cafes und Pubs, die heben wir uns für später auf. Erst geht es zur Zahnradbahnstation. Man kann auf den Mount Snowden alpin steigen, diese Routen gelten als sehr anspruchsvoll. Es gibt aber auch Wanderwege, die ein Stück in die Höhe führen und es gibt die Zahnradbahn, wo sowohl Bahnen mit Dampf als auch welche mit Dieselbetrieb fahren. Wir erkundigen uns, erkennen aber gleich, dass das für uns nichts ist, denn es werden keine Hunde mitgenommen, nur Blinden- und Assistenzhunde. Und Laki ist zwar prima, aber so weit ist sie nun doch nicht. Bleibt also nur das Wandern. Wir finden einen Einstieg, der uns erst auf einer Straße durch die Siedlung von Llanberis führt. Uns fällt auf, dass vor vielen der kleinen Häuser sogenannte „Gärten des Grauens“ angelegt sind, entweder Kiesflächen voll mit Müll, oder welche mit einer unsäglichen Horde von Gartenszwergen und anderem keramischem Kitsch. Offenbar leiden bei einigen Menschen die gärtnerischen Ambitionen, je großartiger die Natur ringsum ist. Nach einem Viehgitter sind wir am Berg. Um uns herum öffnet sich das Land, auf Schotterwegen kommen wir durch viel Weideland. Wir steigen über Viehzäune, hüpfen über Bäche, überqueren einmal die Schienen der Zahnradbahn. Wenn Schafe in der Nähe sind, zur Zeit sind es auch viele niedliche Jungtiere, muss Laki an die Leine, sonst läuft sie frei. Immer enger wird das Tal, wir kommen an einigen aufgegebenen Höfen vorbei, bis wir endlich an einem Tor stehen, das zu Privatbesitz gehört. Da kehren wir um.

Die Sonne steht hoch, allmählich werden wir durstig. Da sehen wir unweit etwas im Gras brennen. Auch auf der anderen Wegseite steigt eine Rauchsäule hoch. Wir schauen nach, und tatsächlich, das Gras brennt. Was tun? Austrampeln hilft fürs Erste, aber ob das sicher ist? Wasser muss her, aber hier gibt es keines. Mutig wie wir sind, ziehen wir nacheinander blank und löschen das gefährliche Feuer allein durch die Kraft unseres Urinstrahls. Welch ein Hochgefühl! Rückwirkend ist uns natürlich klar, dass das Feuer bei der Gesamtfeuchtigkeit auch so irgendwann ausgegangen wäre, und dass es hier entlang der Dampfbahn durch herabfallende Kohlestückchen ständig brennen muss. Trotzdem – wer kann schon von sich behaupten, dass er an einem walisischen Berg ein Feuer ausgepinkelt hat? Wir schon!
Zurück in Llanberis stellen wir fest, dass alle Cafes geschlossen haben und dass der Pub keine Hunde duldet. Da bleibt uns nur das Fish-and-Chips-Schnellrestaurant. Laki darf mit rein, wir haben einen Tisch für uns, die Portion ist riesig und wirklich günstig und total lecker. Ich komme mit einer jungen Mutter am Nachbartisch ins Gespräch und wieder verstehen wir uns auf Anhieb. Laki ist der Star des Lokals und wird von allen Anwesenden mit viel Lob bedacht.

Da wir noch einkaufen wollen, fahren wir die paar Kilometer nach Caernarfon. Die kleinen Geschäfte haben zwar schon zu, aber wir laufen um die riesige Burganlage herum, entlang des aufgrund der Ebbe fast leeren Flusslaufs mit seinen im Schlick liegenden Booten, entlang der Mündung. Die Sonne scheint, überall wehen Fahnen mit den roten walisischen Drachen und die Stimmung ist wunderschön.

Allein, wir finden keinen Supermarkt. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen riesigen Morrissons-Markt, der alles hat, was das Herz begehrt. Mit aufgestockten Vorräten geht es zurück zum Campingplatz, denn morgen wollen wir nach Irland aufbrechen.
Dafür muss man über zwei Inseln, zuerst über eine enge Meeresstraße nach Anglesay und von dort aus auf die Insel Holyhead. Als wir in Holyhead ankommen, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zugang zur Fähre ist weitaus unspektakulärer als der in Calais. Herr W. bleibt im Auto und ich laufe mit übergezogener Kapuze nach vorne, um herauszufinden, wo es die Tickets gibt. Kein Schild, nichts hilft. Ich frage einige Motorradfahrer, die ungerührt im Regen neben ihren Fahrzeugen ausharren. Ich muss nach drüben, über die Spuren der ankommenden Fahrzeuge, dort gibt es einen Terminal. Drinnen sind eine Menge Sitzschalen aus undefinierbarem rosa Plastik, hinter einigen Holzschaltern warten Mitarbeiter. Ich bekomme ein paar Fragen zum Fahrzeug gestellt – vom Hund will der Mann im Gegensatz zu dem in Calais überhaupt nichts wissen – zahle mit Kreditkarte und erhalte ein formloses Ticket. Damit eile ich zurück zur Schlange der wartenden Autos. Es regnet immer noch, bis zur Abfahrt ist es noch eine Stunde. Da Laki danach mindestens zwei Stunden allein im Fahrzeug bleiben muss, gehe ich mit ihr nochmal raus. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, ich laufe im Wesentlichen die Schlange der wartenden Autos rauf und runter. Ein junger Mann schickt mich weg, denn dort vorne seien seine Mitarbeiter mit einem „dog on work“, der solle nicht von meiner Laki abgelenkt werden. Ich bin versucht, gerade nun mich weiterhin hier rumzutreiben, einfach nur um zu gucken, was passiert, wenn Laki solch einen Arbeitshund ein bisschen aufmischt, doch dann füge ich mich und nehme Laki mit ins Auto.
Endlich werden wir herangewunken und reihen uns ein in die Schlange derer, die aufs Schiff fahren. Zu unserer Überraschung wird genau bei uns ein neues Deck angefahren und wir kommen als einzige GANZ vor. Herr W. traut sich erst gar nicht, sich mittig vorne hin zu stellen, da ermuntert ihn der blonde Mann in der gelben Jacke in bestem Deutsch, er soll mal ruhig nicht so zurückhaltend sein, es sei schon richtig, ganz nach vorne solle er. Das tun wir dann auch. Dieses Mal überprüfen wir Laki und das Auto noch viel sorgfältiger. Halsband, Haltüchlein, alles kommt sicher weg, wieder gehen wir unauffällig raus und begeben uns nach oben.

Diese Fähre ist noch luxuriöser als die erste. Chrom, poliertes Holz, Intarsien, Glas in allen Farben; das ist nicht nur eine Lounge, sondern das Foyer eines Luxushotels. Während Herr W. die Fahrt der letzten Stunden sacken lässt, gehe ich auf dem Schiff umher und sehe mich um. Im Laden kann wieder mit Euro bezahlt werden, was ich sogleich ausprobiere, es gibt mehrere Restaurants, einen Kinderspielbereich, eine Spielhölle mit einarmigen Banditen, die stets alle belegt sind, lange Flure mit Teppichbelag. Erst gegen Abend laufen wir in den engen Hafen Dublins ein, es ertönt die Ansage, dass die Fahrzeugbesitzer zu ihren Autos zurück dürfen. Wir sind gespannt, aber dieses Mal scheint Laki trotz der langen Zeit allein keinen Unfug getrieben zu haben. Vielleicht hat der nette blonde Mann mit der gelben Weste sie ja auf deutsch beruhigt.

Südengland

Bei der Überfahrt muss Laki im Auto bleiben. Wir haben einen Platz an der Seite des Laderaums bekommen, ziemlich weit vorne im Unterdeck, neben uns mehrere Laster. Beim Aussteigen aus dem Auto bemühen wir uns, möglichst wenig Aufhebens zu machen und gehen so beiläufig wie möglich einfach raus, sperren ab und steigen die Treppen zu den oberen Decks der Fähre hoch. Es gibt oben mehrere Aufenthaltsebenen, die oberste der Luxusklasse – ja, auch auf Fähren sind die Passagiere in Klassen aufgeteilt – aber die darunter ist für einfache Leute wie uns. Wir ergattern einen Platz an einem Tisch fast vorne, wo wir sowohl nach vorne als auch zur Seite Fenster haben. Überall Teppichboden und Glanz und Chrom. Es hätte auch ein Casino sein können. Beherrscht wird der Raum von einer runden großen Bar und viele der Passagiere nutzen sofort die Möglichkeit, hier englische Speisen und vor allem Getränke zu bekommen. Wir verzichten vorerst, da sich unser Vermögen in Englischen Pfund auf gerade mal sechseinhalb Pfund und fünfzehn Pennies beschränkt, welche ich noch zu Hause in der Schublade gefunden habe. Die riesige Klappe zum Unterdeck schließt sich, die Motorgeräusche werden lauter und wir legen wegen des Winds mit einiger Verspätung ab. Frankreich entschwindet nach hinten und vor uns öffnet sich der Kanal. Als wellengangerprobte Hurtigrutenfahrer nehmen wir die Dünung kaum war, aber am Nebentisch gibt eine Frau unter der fürsorglichen Anteilnahme ihres Mannes alles von sich, was sie in sich hat. Nach einiger Zeit zeigt sich am Horizont vor uns eine weiße Linie und beim Näherkommen erkennen wir durch die getönte Scheibe die Kreidefelsen Dovers.

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Endlich ertönt per Lautsprecher die Aufforderung, dass die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen zurückkehren sollen. Unten im Laderaum ist es laut und warm, Neonröhren erhellen die Szenerie. Laki freut sich ein Loch in den Bauch, als wir ins Auto zurück kommen. Sie war jetzt gut eineinhalb Stunden allein, das ist für sie eigentlich keine besondere Leistung, in Pompeij hat sie viel länger auf uns warten müssen. Die eigentliche Ausfahrt dauert dann noch einmal einige Zeit, da die Passagiere der ersten Klasse nicht nur einen tolleren Aufenthaltsraum erhalten, sondern auch bevorzugte Ausfahrt. Die Fährlinien wissen, wie man Geld machen kann. Dann kommen Fahrräder, PKW, zuletzt Kleinlaster, Wohnmobile und LKW. Endlich rollen wir auf britischen Boden. LINKS FAHREN heißt ab jetzt unser Mantra, das wir uns vor jedem Start vorbeten. Das ist eigentlich nicht schwierig, aber bei jedem Kreisel – und davon gibt es hier sehr, sehr viele – und vor allem auf vierspurigen Straßen gerate ich immer wieder durcheinander, obwohl ich im Moment nur die Beifahrerin bin. Dass auf der Autobahn uns ein Fahrzeug rechts überholt, kann ich kaum verkraften. An einem Rastplatz halten wir schon nach kurzer Zeit an, da ich Laki die Gelegenheit geben möchte, sich zu entleeren. Neben uns ist ein englischer PKW, die älteren Leute sind aufgelöst, hat doch der Junior sich während der Fahrt übergeben und die Rückbank und den Fußraum und alles, was dort lag mit seinem Mageninhalt bedacht. Wir bieten ihnen unsere Küchenrolle an, doch sie meinen, sie kämen zurecht. Ich bin von mir begeistert, wie souverän ich dieses erste Gespräch mit „den Einheimischen“ hier bewältigt habe. Als die Leute weiterfahren, liegt neben dem Mülleimer der völlig verschmutzte Kindersitz. So kann man es auch machen. Laki nutzt ihren ersten Spaziergang auf englischem Boden, um Unmassen von Gras hektisch in sich reinzuwürgen. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen. Doch in meinem Unverstand serviere ich ihr noch gleich ihr Abendessen, Fisch gibt es heute. Wir fahren weiter und kurz danach ertönen hinter uns die Würgegeräusche, die jeden Hundehalter auffahren lassen: Laki hat Gras, Fisch und alle Magensäfte in einem Schwall auf den Hundeteppich erbrochen. Darin komische rote Stofffetzen. Wie ich später erkenne, hat sie in ihrem Stress auf der Fähre ihr putziges rotes Halstüchlein, welches wir ihr im Herbst in Agrigent gekauft hatten, zur Hälfte aufgefressen. Also halten wir nochmal an, schütteln das Hundekissen aus, nötigen Laki zu einem weiteren Spaziergang, packen den Hundeteppich in einen der bewährten Swirl-Müllbeutel und fahren wieder weiter. Unser Ziel ist es, London südlich zu umfahren und erst dahinter einen Rastplatz zu finden. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Platz namens Morn Hill, nur wenig vor Winchester. Kurz vor 20 Uhr kommen wir an, erhalten den vorletzten freien Platz und bereiten ein Abendessen aus den Vorräten. Laki erhält eine symbolische Miniportion, bis ihre Verdauung wieder normal ist. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr auf den Hundespazierplatz, der Teil des Campingplatzes ist, und wir treffen eine Frau meines Alters mit ihrem Dackel. Frauchen und Hunde mögen einander und wieder stelle ich mit Genugtuunng fest, dass mein Englisch, das nun wirklich nicht das Beste ist, hier im Süden hervorragend verstanden wird, dass mir die Wörter aus dem Unbewussten nur so zufliegen und dass ich tatsächlich in der fremden Sprache kommunizieren kann fast wie in meiner eigenen. Gespräche beginnen hier IMMER mit dem Wetter, das entweder großartig ist – Engländer und vor allem Iren merken das an mit einem Stolz, als hätten sie dieses großartige Wetter eigenhändig hervorgebracht – oder es ist ziemlich schlecht/kalt/beides, woraufhin mit großer Zuversicht auf das demnächst bessere Wetter verwiesen wird. In unserem Fall geht es dann weiter über unseren Hund, der in der Regel als „wellbehaved“ gelobt wird. Dann entscheidet sich, ob mehr Themen angeschnitten werden. Meistens nicht, aber wenn, dann erfährt man wirklich eine Menge, kann auch Fragen stellen und bekommt seinerseits Fragen gestellt. Wenn wir mit Stellplatznachbarn in ein auch nur oberflächliches Gespräch kommen, werden wir bei der Abreise verabschiedet, als würden wir uns als die weltbesten Freunde trennen. Gewöhnungsbedürftig, das alles, aber wenn man sich drauf eingestellt hat, funktioniert es.
Wir wollen uns Winchester ansehen, es gibt hier eine Kathedrale, die in den Reiseführern gelobt wird. Doch zu meinem Entzücken ist hier auch Trödelmarkt! Wir gehen gemeinsam die Hauptstraße hoch, es wird viel altes Zeug angeboten, Händler aus der Umgebung stellen aber auch Antiquitäten raus. Herr W. sitzt auf einem Sessel Probe. Dieser Mann passt in jeder Hinsicht hervorragend in das gute Stück und der Händler wittert seine Chance. Er würde den Sessel auch auf den Kontinent liefern. Wir lehnen ab. Denn der geforderte Preis entspricht auch ohne die versprochene Lieferung in keinster Weise der Qualität.

Die gotische Kathedrale steht inmitten eines typisch englischen Friedhofs gleich neben der Hauptstraße. Schon hier ist das Gras deutlich grüner und saftiger als in Deutschland, sind die Pflanzen größer und kräftiger und die Bäume höher und stärker. Laki wartet widerwillig am Zaun und wir gehen hinein. Da Sonntag ist, ist der Besuch kostenlos. Beim Hineingehen nimmt es mir fast den Atem. Die Orgel spielt noch, da der Gottesdienst gerade geendet hat, die hohen Räume, die überreichen Verzierungen, der Duft der Lilien, all das übt eine Wirkung auf mich aus, der ich mich kaum entziehen kann. Wie benommen schreite ich nach vorne. Erst da fallen mir die Fliesen auf, sie sind quadratisch, rot-beige bemalt, sehr alt und ihre Muster ändern sich alle paar Meter. Im hinteren Teil gibt es eine kleine Plakette, die dem Taucher William the Diver gewidmet ist, der um die Jahrhundertwende jahrzehntelang unter dieser Kirche die mit Moorwasser volllaufenden Hohlräume in einem alten Taucheranzug erkundet und Stück für Stück mit Betonsäcken unterfüttert hat. Wenn sie gedurft hätten, hätten die Einwohner hier ihn ganz gewiss heiliggesprochen.

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem Straßenmusiker vorbei, der neben sich eine programmierbare Puppe am Schlagzeug hat und vor sich einen kleinen elektronisch gesteuerten Hund vor dem Hut fürs Trinkgeld. Er selbst spielt Gitarre und die Musik ist wirklich gut. Das Besondere ist, dass sowohl der Schlagzeuger als auch der schwanzwedelnde Hund mit Leuchten versehene Skelette sind. Britischer Humor eben.

Ich hebe eine kleine Menge Britischer Pfund von meinem Konto ab, damit wir zumindest kleine Beträge begleichen können, größere Summen wie Campingplatzgebühren und Benzinkosten lassen sich hier sowieso leicht mit Kreditkarte begleichen. Mit Hilfe von Google finden wir einen Supermarkt, der auch heute am Sonntag offen hat. Das Angebot ist gut, leider gibt es keine lactosefreien Produkte, worauf ich angewiesen bin, aber ich habe noch einige Vorräte im Auto. Aber erste Eindrücke sind: Es gibt viel vorfabriziertes Essen, an Süßigkeiten herrscht kein Mangel, Fleisch ist fast unanständig billig, Bier und anderer Alkohol dagegen unverhältnismäßig teuer, das günstigste Bier kommt aus Italien!!!! Viele der einkaufenden Leute im Laden sind übergewichtig und ernähren sich offenbar recht ungesund, es gibt hier eine breite erkennbare Unterschicht. Wir kaufen ein fürs nächste Abendessen, beladen das Auto und fahren weiter in Richtung Salisbury.

Dort ergattern wir mit einem kleinen Trick einen Parkplatz mitten im Stadtzentrum und unterhalten uns kurz mit den dort an zwei Bänken lagernden Obdachlosen. Das passiert uns auf den Reisen immer wieder. Denn die Obdachlosen haben in der Regel Hunde, meist sogar recht gut erzogene. Da haben wir mit Laki immer ein Thema und vor allem Herr W. hat immer schnell einen Draht zu ihnen. Dabei erfährt man häufig ganz interessante Dinge, hier stellt sich beispielsweise heraus, dass zwei der Obdachlosen etwas zurückliegend deutsche Wurzeln haben.

Aber eigentlich wollen wir zur Kathedrale. Sowohl ich als auch Herr W. waren vor vielen Jahren schon mal dort, aber ich mag es, alten Erinnerungen neue Erfahrungen entgegenzusetzen und die alten Erinnerungen gegebenenfalls zu revidieren. Wieder liegt die wundervolle Kirche mitten im Grünen, leider kostet sie Eintritt. Doch der Zutritt zum Kreuzgang ist frei. Von dort gelangt man in einen lichtdurchfluteten achteckigen wunderschön verzierten hohen Raum. Erst ist uns gar nicht ganz klar, was das für ein Raum ist. Ringsum ist ein Fries mit alttestamentarischen Geschichten, die Decke ist kunstvoll als Rippengewölbe gestaltet, die Fenster sind hell und mit Mustern übersät, der Fußboden wieder mit bemalten rotbraunen Fliesen belegt. Interessant ist ein Zelt in der Mitte des Raumes, beim Ein- und beim Ausgang jeweils bewacht von einer Dame im amtlichen Kostüm. Wir stellen uns an, eigentlich ohne zu wissen, warum. Drinnen ist hinter einer Glasscheibe, angestrahlt von speziellen Scheinwerfern ein Originalexemplar der Magna Carta. Ich bin fassungslos. Die Wärterin neben mir meint freundlich, ich solle nur gucken, nicht fotografieren, das sei dem Papier nicht förderlich, Fotos könne ich draußen von der Kopie machen, was ich dann auch tue.

Die Magna Carta. Man hat uns in der Schule damit gequält und so wirklich habe ich damals im pubertären Alter nicht kapiert, was sie bedeutet. Heute erscheint sie auch mir als ein Meilenstein der historisch-politischen Entwicklung des Abendlands. Sie schränkt verbindlich die Willkür des Herrschers ein und bindet auch ihn an Rechte und Gesetze. Bis zur Idee von der Gleichheit alleer vor dem Gesetz ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eine Sensation dürfte sie damals und für lange Zeit allemal gewesen sein.

Wir fahren weiter Richtung Stonehenge. Auch hier sind sowohl Herr W. als auch ich schon vor langer Zeit gewesen. Doch heute ist die gesamte Anlage touristisch voll erschlossen: ein großer kostenloser Parkplatz liegt vor dem riesigen Besucherzentrum, wo ein für uns unverhältnismäßig hohes Eintrittsgeld erhoben wird, der Steinkreis ist verborgen hinter hohen Mauern. Herr W. und ich sind uns einig, wir erhalten uns jeweils unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit und verzichten.

Gleich ein paar Meilen weiter ist ein hübscher Campingplatz, und bei zunehmend besser werdendem Wetter checken wir ein. Unsere Essenvorräte können wir aufheben, da heute Lesley auf einer riesigen von unten mit Holzkohle beheizten Platte kocht. Dabei hat sie vieles vorbereitet und breitet dieses mit einem Spatel rasch auf der Platte aus, schiebt es wieder zusammen, wendet und gibt es auf unsere mitgebrachten Teller. Es kostet pro Person 10 Pfund, das Geld spendet sie für ihre Arbeit mit Flüchtlingen. Das Essen ist würzig, teils vegan oder vegetarisch, deutlich asiatisch inspiriert und sehr lecker. Später kommen wir mit Lesley ins Gespräch und lernen dabei eine kluge, weltoffene, hilfsbereite und sehr warmherzige Frau kennen.

Müde fallen wir ins Bett. Am nächsten Morgen unternehme ich mit Laki einen langen Spaziergang durch die typisch südenglische Landschaft hinter dem Campingplatz. Fasane, Kühe, und Schwäne fordern Laki heraus. Was bin ich froh, dass sie so gut folgt. Endlich normalisiert sich auch ihre Verdauung.

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