Cliffs of Moher & The Burren

Obwohl ich das Buch „Die Asche meiner Mutter“ gerade ausgelesen habe, welches im Limerick der 30er bis 50er-Jahre spielt, lassen wir den Ort bei unserer Weiterfahrt rechts liegen. Diese Stadt wurde in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend modernisiert, was sicher bitternötig war. Aber uns ist weder nach Stadt noch nach Shopping oder Flanieren. Unser Ziel befindet sich am Atlantik weiter nördlich.

Der Campingplatz, den wir uns ausgesucht haben, liegt in Doolin, einem winzigen Nest, das wir schon auf der Karte kaum finden können, was aber in Wirklichkeit noch viel kleiner ist. Campinplatz, Pub, Andenkenladen, Hotel, kleine Brücke, soweit das Zentrum. Meerwärts verliert sich die Straße zwischen den Weiden, bergan gibt es einige Einfamilienhäuser und Vermietungen. Die Lebensader ist die Straße nach Süden, die zu den Cliffs of Moher führt. Hier passieren Busse in kurzen Abständen.

Als wir einchecken, fängt es an zu nieseln, hört auch in der ganzen Zeit, in der wir dort sind, nur für kurze Momente auf. Aber der Hund will raus, also schmeiße ich mich in mein Allwetteroutfit, während Herr W. kocht. Es soll Fisch geben, den wir im Supermarkt in Dingle noch gekauft haben. Laki und ich nehmen den Feldweg. Links und rechts stehen Kühe und Jungbullen, und weil ich mein Handy dabei habe, fange ich an zu fotografieren. Kühe sind dankbare Fotoobjekte. Als ich einige Bilder gemacht habe, beginne ich die Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren festzustellen: Wer ist mutiger, wer zurückhaltender. Wer schaut gelassen, wer eher panisch. Wer denkt kaum über den nächsten Grashalm hinaus, in wessen Blick könnte man auch ein philosophisches Begreifen hineindeuten? Offenbar lieben sie erhöhte Standpunkte. Ich stelle fest, dass ich die Kühe mag. Laki dagegen ist erfreut, dass echte Hasen den gleichen Weg benutzen wie wir. Leider muss sie deswegen an die Leine, zu ihrem eigenen Schutz. Die Weiden sind steinig, unvermutet gibt es Löcher im Gras, wo Steine oder ganze Erdschichten in darunterliegende Hohlräume und Höhlen abgesackt sind. Trockenmauern aus Stein ersetzen Zäune. Vereinzelte Gehöfte scheinen zu den Rindern zu gehören. Später gibt es schmucke Einfamilienhäuser, alle mit Nebengebäude, welche der Vermietung dienen. So werden hier Häuser abbezahlt.

Am Abend lassen wir Laki im Auto auf dem Platz und gehen auf ein Bier in den Pub. Das ist der Vorteil dieses winzigen Orts, man ist sofort überall. Doolin gilt als Hotspot der Irischen Musik und tatsächlich spielt im Pub ein Musiker, ziemlich gut. Aber irgendwas fehlt mir zum wirklich irischen Musikgefühl. Dass ich das erst ganz am Ende meiner Irlandreise bekommen werde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir sitzen an der Theke mit Blick auf Bar, Gäste und Musiker. Ich nehme ein Craftbeer, Herr W. ein Redstout. Neben uns lassen sich einige Gäste beraten. Sie möchten einen Whiskey. Die Beratung ist fast so ausführlich, als wollten sie einen Neuwagen kaufen. Preis, Farbe, Geruch und Geschmack werden erörtert, darüber das Fass, die Destille, das Wasser. Was es da alles zu bedenken gibt. Es grenzt an ein Wunder, dass die Leute schlussendlich Gläser vor sich stehen haben mit einer Fingerbreit dunkler öliger Flüssigkeit darin. Hoffentlich viel Geschmack für das viele Geld!

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Auto zu den Cliffs of Moher, knapp 10 Kilometer südlich. Wir entscheiden uns für das eigene Fahrzeug, weil wir mit dem Hund wohl nicht in das Shuttle gekommen wären. Der Parkplatz ist riesig. Herr W. war vor vielen Jahren schon einmal hier, er staunt nicht schlecht, was sich da alles in der Zwischenzeit getan hat. Wir müssen zahlen. Herr W. kriegt das Seniorticket, ich gehe diesbezüglich leer aus. Laki darf sowieso kostenlos mit. Am Besucherzentrum drängen sich Andenkenläden und Informationstafeln, drinnen gibt es ein Museum, viele Toiletten, Restaurants. Wir bleiben draußen. Menschen, wirklich aus aller Herren Länder, sind hier. Spanier, Australier, Asiaten, Südamerikaner, Franzosen, … und Deutsche. Unser Hund wird immer wieder bewundert. Vor allem die jungen Japanerinnen möchten unbedingt ein Selfi mit dem vermeintlichen Baby-Rotti. Sie wissen es halt nicht besser. Herr W. überlegt nach einer ganzen Weile halblaut, ob es nicht langsam Sinn machen würde, für jedes Bild ein britisches Pfund zu nehmen.

Es gibt südgehend einen Höhenweg, der zumindest am Anfang rollstuhlgerecht geteert und seitlich gesichert ist, später kommt man durch den Schlamm nah an die Abbruchkante heran. Es sind trotz des Nieselregens immer noch unzählige Menschen unterwegs. Allmählich wird uns auch klar, dass der große Parkplatz durchaus seine Berechtigung hat. Abenteuerliche Ausblicke tun sich auf. Dass das Wetter so unbeständig ist, hat plötzlich einen überraschenden Reiz. Es kommen nämlich in raschem Wechsel Nebelbänke, die plötzlich einen Teil der Landschaft verhüllen und dann wandern, die Sonne strahlt unvermutet gegen den Nieselregen an, alles zu schnell für Fotos, aber atemberaubend. Unter uns müssen die Nester der Papageientaucher in der Felswand sein. Doch wir sehen und hören nichts von ihnen, lediglich ein plötzlicher scharfer Fischgeruch zeigt oben an manchen Stellen an, dass da unten noch etwas anderes ist als umgischteter Fels.

Dieses Drohnenfoto steuerte das Internet bei.

Nach unserer Küstenwanderung fahren wir weiter in einer Schleife durch das Innenland zum Burren Nationalpark. Schon wenige Hundert Meter von der Küste entfernt ist das Wetter wieder stabil. Der Burren Nationalpark ist eine steinige Landschaft, die schon vor über 5000 Jahren durch Intensivnutzung und anschließende Auswaschung entstand. Also eine Kulturlandschaft aus der Vorzeit. Sie ist geschützt und darf heute nur kontrolliert beweidet und genutzt werden. Da sich hier Menschen seit Jahrtausenden aufhalten, gibt es viele Relikte, unter anderem Dolmen oder Forts. Wir kommen gegen Abend an, der Händler am Drehkreuz beginnt gerade, seine Waren einzupacken. Außer uns sind kaum Leute da. Man muss aufpassen, wohin man seine Füße setzt, denn im scheinbar ebenen Gestein sind tiefe Rinnen. Darin wachsen geschützt Pflanzen, auch sehr viele seltene und geschützte Arten. Laki scharwenzelt frei herum und auch wir stromern staunend über das Areal. Große Schautafeln erklären alles Wissenswerte auf Englisch und auf der Rückseite in Irisch.

Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen und reisen weiter. Jetzt geht es wieder ins Landesinnere.

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