Dingle

Immer wieder halten wir an besonders malerischen Stellen an und erkunden vor allem die Küste. Den Ort Dingle selbst mit seinem bekannten Strand Inch Beach, der auch als Filmkulisse diente, durchfahren wir rasch: Viel zu touristisch. Ein Stück nördlich kommen wir an einen kleinen netten Campingplatz, wo wir wieder zwei Tage bleiben werden. Mittlerweile haben wir einen Rhythmus gefunden, wie wir ohne viel Stress den Standort wechseln, uns eine Menge ansehen können und trotzdem nicht permanent unterwegs sind. Vor allem mir ist wichtig, einen Stützpunkt zu haben. Am Campingplatz empfängt uns ein älterer Herr, der ein wenig hilflos wirkt, da er den Platz nach dem Tod der Besitzerin mehr oder weniger freiwillig und nebenbei führt. Wir suchen uns einen hübschen Stellplatz aus, mit Blick auf Buchten im Norden, auf Sumpfland, eine Ruine und Hügel im Süden. Und unser alter Freund, das Rotkehlchen, ist auch wieder da. Wir haben so viele gesehen, teils fast handzahm. Hier gelingt mir endlich ein Foto mit dem Handy.

Robin – das Rotkehlchen

Am nächsten Morgen fahren wir nach dem Frühstück los, den Westzipfel der Halbinsel zu erkunden. Der ältere Herr an der Rezeption des Campingplatzes gibt uns den Tipp, die Tour im Uhrzeigersinn zu fahren, da die Reisebusse andersherum führen. Ob es wirklich besser ist, sei dahingestellt, auch zweifle ich, dass die Reisebusse nur eine Richtung benutzen. Aber wir machen es so und stellen fest, dass wir dadurch immer nah am Meer sind und nicht noch die entgegenkommende Fahrspur zwischen uns und dem Wasser haben.

Auf der rechten Seite gibt es ein Schild „Beehive-Huts“ – Bienenkorbhütten. Links an der Steilküste gibt es einen kleinen Parkplatz, also halten wir an, bestaunen das Meer mit den vorgelagerten Inseln, die sich im Dunst des Horizonts versammeln und machen uns anschließend auf zum Eingang. Laki darf mit, das ertrotzt sie sich immer öfter mit anhaltendem Geschrei, wenn wir das Auto anhalten.

Diese frühchristlichen Häuser sind ohne Mörtel oder andere Bindungen allein durch geschicktes Legen von meist flachen Steinen gebaut, sie sind wasserdicht und offenbar sehr haltbar. Sie stehen in kleinen Siedlungen beieinander, es gibt Wege und Mauern. Die Eingänge sind niedrig und nur Laki schlüpft problemlos überall hinein. Herr W. und ich müssen uns arg bücken, damit wir hineinkommen. Als wir zurück zum Auto gehen, fällt mir neben dem Wohnhaus des Grundeigentümers ein Holzschuppen mit Rotlicht auf. Drin liegen kleine Lämmer, die offenbar ein wenig zu früh geboren wurden. Herr W. zieht Laki weiter, während ich mir hingerissen meinen Zuckerschock hole.

Das Meer begleitet uns auf unserer Fahrt nach Norden mit spektakulären Ausblicken. Blau in allen Schattierungen, darüber abwechselnd dekorative Dunstschwaden oder gemalte Schönwetterwolken. Weit draußen machen wir Inseln aus. Menschenleer die meisten, doch früher sollen viele von ihnen bewohnt gewesen seien, bis die Menschen sie wegen der Beschwerlichkeit des Lebens am stürmischen, von der Welt vergessenen vorgelagerten Zipfel Europas im letzten Jahrhundert aufgegegeben haben. Wir haben Fotos gesehen, sie zeigten Menschen, die alles andere als gesund, froh und malerisch aussahen.

Jetzt gibt es rechts eine große Erhebung. Eine Felsnase schiebt sich weit in den atlantischen Ozean. Reisebusse kämpfen um die wenigen Parkmöglichkeiten, flugs quetschen wir das kleine Wohnmobil dazwischen. Wir steigen mit Laki aus und wandern noch weiter westwärts, bald geht es steil bergan, die meisten Menschen bleiben hinter uns. Endlich stehen wir hoch oben und sehen das Meer tief unter uns. Nur ein Pfad führt noch weiter nach rechts auf ein sanftes Felsplateau. Herr W. will hin und ich zetere. Nicht zum ersten Mal ist er von uns beiden der Wagemutigere und ich bin die Zauderliesel. In der Regel schafft er es irgendwie, mich dazu zu bewegen, meine Vorbehalte hintan zu stellen. Aber nicht hier. Ich fühle mich nicht schwindelfrei, und die Tatsache, dass zwei Dreißigjährige es sich dort unten bequem gemacht haben, heißt für mich noch lange nicht, dass ich das auch tun werde. Also klettert er behände vornweg. Ich sitze derweil auf einem winzigen Felsen, auf den ich mich irgendwie manövriert habe, halte Laki fest und komme nicht vorwärts, rückwärts aber auch nicht. Laki ist mit dieser Entscheidung kein bisschen einverstanden, sie will zu Herrn W. eilen. Ich kann sie kaum halten. Herr W. kommt zurück: „Es ist wirklich nicht schwierig, das schaffst du leicht. Komm, ich helfe dir!“ Wieder rumgekriegt. Laki trabt erleichtert vorneweg und ich taste mich Stein um Stein weiter nach unten. Weiß der Himmel, wie ich da jemals wieder rauf kommen soll. Endlich sind auch wir auf dem weichen Plateau. Die jungen Leute sind schon weg, also scheint es auch einen anderen Weg zu geben. Wir legen uns ins federnde Gras und schauen nach oben zu den sich auftürmenden Steinhaufen, in die Ferne auf Wolken, Meer und Inseln, hinüber zu den anderen Buchten und den traumhaften sichelförmigen Sandstränden und wir bestaunen Käfer, Pflanzen und Steine unter uns. Ich öffne auf dem Handy Google Maps und wir entdecken begeistert, dass sich unser blauer Punkt nun wirklich mehr oder weniger am westlichsten Teil Europas befindet, fast schon draußen im Meer.

Wenn ich jetzt im Nachhinein die Bilder ansehe, finde ich selbst, dass hier nichts wirklich gefährlich aussieht. Das liegt aber vermutlich daran, dass ich vor Stress bei den kniffligen Kletterpartien keine Fotos gemacht habe. Endlich brechen wir auf und machen uns auf den Rückweg. Im Wesentlichen wählen wir den Weg, den wir gekommen sind. Dennoch versteigen wir uns und müssen nochmal ein Stück zurücksetzen. Nur Laki kommt mit ihrem Vierpfotantrieb mühelos voran.

Als wir zurück am Auto sind, stellen wir fest, dass es noch eine weitere Sehenswürdigkeit gibt, die vermutlich für manche Touristen weitaus spannender ist als das Geklettere auf einem Steinfelsen. Über der Bucht ist nämlich auf Sybil Head ein Teil des Films STAR WARS 8 gedreht worden. Schautafeln zeigen, wie das Filmset damals aussah und die Touristen machen Selfies. Jediritter, allesamt. Mich dagegen interessiert vor allem die malerische Landschaft. Sie ist wirklich einzigartig. Von daher verstehe ich, dass ein Filmteam aus den USA extra für die Drehs hierher gekommen ist.

Zurück am Campingplatz müssen wir den Besuch des Gallarus Oratorys auf den nächsten Morgen verschieben, da es schon geschlossen hat. Das Oratory ist eine frühchristliche Kirche aus dem achten Jahrhundert. Sie ist im so genannten Kraggewölbebau errichtet, das heißt, es wurden auch hier flache Steine so übereinander gelegt, dass ein dichter Innenraum entstand. Als wir am nächsten Morgen dorthin gehen, denn es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Campingplatz, fällt zuerst die gleichmäßige Form auf. Es gibt einen First, einen Eingang und auf der gegenüberliegenden Seite eine Fensteröffnung. Sonst nichts.

Die Grundfläche ist nahezu quadratisch. Wieder bestaunen wir die Baukunst der Menschen, die hier gearbeitet haben. Wir gehen außen herum und gehen hinein. Um solch regelmäßige Kanten und Flächen aus aufeinandergelegten Steinen zu erreichen, braucht es große Fertigkeit.

Weiter geht es mit dem Wohnmobil nach Norden. Doch gibt es keinen direkten Weg, sondern nur eine Straße von der Ortschaft Dingle über den Connor Pass. Großartig und rau präsentiert sich hier die Natur. Versprengte Schafe laufen herum, Wasserläufe säumen den Weg. Es gibt keine Bäume mehr, nur magere Weiden, Felsen und vereinzeltes Gestrüpp. Kleine Seen liegen wie Himmelsaugen in den sanften Mulden.

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